31 März 2006
Verarbeiten
Unterdessen turnt meine bessere Hälfte dienstlich in Frankreich rum, was wie immer Auswirkungen auf meine Essensgewohnheiten hat (Nudeln, Pasta, diverse Cholesterinbomben). Nur am Mittwoch hatte Aurora überraschend ein Abendessen zubereitet, ein ausgezeichnetes, fast gar nicht scharf... Okay, in den Stunden danach konnte ich meine Kippen ohne Feuerzeug anzünden, einfach draufblasen und schon...
Der französische Verkehrsminister meinte neulich, dass die zum Teil gewalttätigen Demos in Frankreich dem Tourismus abträglich seien. Meine Studis, allesamt frankophil und potentielle Touristen, finden das nicht. Mal abgesehen, dass sie samt und sonders gegen den von der Regierung durchgepeitschten Arbeitsvertrag sind, wissen sie auch zwischen Demonstanten und Krawallmachern zu unterscheiden.
28 März 2006
A Year in the Merde
Exodus, bis hin zu Ovids Epistulae ex Ponto. Aktuelleres zum Thema findet man bei Stephen Clarke und seinem Opus A Year In The Merde. Ein Jahr in der Scheisse, oder eben die Geschichte eines Briten, der ein Jahr in Paris verbringt, dort ein Tearoom-Kette aufbauen soll und mit allen möglichen und unmöglichen Arbeits-, Essens- und Liebesweisen der Franzosen konfrontiert wird. Und es ist zum Totlachen. Ein Franzosenhassbuch ist es nicht, anders als der Titel verlauten lässt. Ich wittere vielmehr einen Seitenhieb auf den Kollegen Peter Mayle und sein A Year In The Provence, eine doch etwas zu süssliche Idylle des Lebens way down south.Insgesamt also britischer Humor in Bestform. Und übrigens, so scheisse kann das Jahr für Stephen Clarkes Titelfigur nicht gewesen sein, denn längst gibt es eine Fortsetzung. Die natürlich einen ähnlich beschissenen Titel trägt.
24 März 2006
Es lebe Aurora!
Aurora ist unsere Putzfrau. Eigentlich ist sie tausendmal mehr als das. Ich hatte lange geglaubt, "Hausfrau" hiesse auf Spanisch "alma de casa", also wörtlich "Seele des Hauses", und ich fand das ungemein poetisch und im Falle Auroras ungemein zutreffend. Erst kürzlich habe ich erfahren, dass "Hausfrau" in Wirklichkeit "ama de casa", also "Herrin des Hauses" heisst, was schon wesentlich prosaischer klingt und im Falle Auroras auch zu prosaisch.
Aurora waltete schon ihres Amtes, lange bevor ich nach Mexiko kam. Ich war es nicht gewohnt, eine Putzfrau zu haben. In Deutschland verdächtigt man sich ja der Sklavenhaltung, wenn man nicht gerade eine Grossfamilie managt. Mein Vater hat zwar auch eine Putzfrau, doch erleidet er am Vorabend regelmässig Panikattacken und räumt alles auf, damit die Putzfrau aufräumen kann. Hier in Mexiko dagegen hat fast jeder eine muchacha, gutsituierte Familien verfügen sogar über ganze Regimenter von muchachas, und wie gesagt, manche sind gelegentlich mehr als das. Aurora zum Beispiel ist sich nicht zu schade, uns eine gewisse Sorglosigkeit vor Augen zu führen, wenn sie mal wieder im Kühlschrank die Überreste des Mittagessens von vor einer Woche entdeckt. Worauf sie mir besagte Überreste vor die Nase hält und scheinbar überlegend meint, das könne man doch wegwerfen, oder? Machmal kann der Zaunpfahl gar nicht gross genug sein.
Sie steckt voller Initiativen, besonders in Sachen Innenarchitektur. Gut, wenn wir aus dem Urlaub kommen, haben wir gelegentlich den Eindruck, wir hätten zufällig die falsche Wohnung betreten. "Liebling, war das Schlafzimmer nicht hier, vorher?" - "Äh... meinst du?". Aber Aurora darf das. Und wir gewöhnen uns an die neuen Arrangements, die mitunter mehr feng shui versprühen als früher, wer weiss.
Mittwoch abend ist alles pikobello. Übrigens laden wir am liebsten mittwochs Leute ein. Was nicht weiter verwundern soll.
18 März 2006
Man kultiviert sich
Ich treffe verfrüht ein und nutze die Zeit, um mich in der Buchhandlung umzusehen, kaufe ein paar Zeitungen. Bei allem, was in Paris zur Zeit wieder abgeht, muss man sich ja informieren. Das Buchangebot ist wie immer armselig. Kollegen haben schon vermutet, diese Buchhandlung diene eigentlich der Geldwäsche. Nach und nach erscheinen die Studis, David, Atenea, Gilda, die beiden Alejandras, Mario, Marco, Homar - es kann losgehen. Zu meiner Linken, das Restaurant "Cordon Bleu", eigentlich eine Kochschule, sehr gut und sehr teuer. Zu meiner Rechten, das Institut für Modedesign (Gastronomie und Haute Couture, man bleibt sich treu...). Und nun die Mediathek. Diese ist allerdings ausgezeichnet, dank verdienstvoller Mitarbeiter. Zunächst die Zeitschriften, dann die CDs, dann die DVDs, schliesslich die Bücher. Den Studis gefällt es (was durchaus beabsichtigt war), sie sind sogar hellauf begeistert, als sie die Erwachsenencomicabteilung entdecken mitsamt den wenig prüden Illustrationen (das war zwar weniger beabsichtigt, aber wenn schon...). Ich weise darauf hin, dass Leute wie Reiser, Moëbius, Druillet, Margerin etcetera in Frankreich zur Hochkultur zählen.

Wir lassen den Abend im Konditori in der Zona Rosa ausklingen. Vor rund dreissig Jahren zählte das Viertel noch zu den kulturell dynamischsten. Inzwischen ist es eine einzige Touristenfalle mit wenig Lichtblicken, dafür mit um so mehr kitschigen Mariachibars und Stripteaselokalen. Die Studis stellen mir die üblichen Fragen, wie lange ich schon im Mexiko sei, warum und mit wem, welche andere mexikanische Städte ich schon besichtigt habe, was mir an der Hauptstadt besonders missfalle (komisch, ich werde selten gefragt, was ich an der Hauptstadt liebe...). Ich spule meine Standardantworten ab, dann bin ich mit dem Auskundschaften dran. Atenea lädt mich zu den Proben ihrer Band ein, dessen Sängerin sie ist. Und das war's auch schon: Acht Studis, denen Gelegenheit gegeben wurde, ihr Französisch mal ausserhalb des Klassenraums anzuwenden.
Was anderes: neulich stand im Spiegel, dass die mp3-Tauschbörsen im Netz nacheinander dichtmachen. Ach nee? In der Bloggerszene gibt es noch genug Widerständler, keine Angst. Und mal ehrlich, ich werde mich kaum genieren, hier und dort die Maus spazieren zu führen, besonders, wenn es um Musik geht, die kaum oder gar nicht im Handel vorrätig ist. Man muss ja nicht den Schrott hören, den uns die Majors andrehen wollen, und Deutschland kann von mir aus seinen Superstar suchen, aber ohne mich. Wen's interessiert, der kann zum Beispiel mal bei mordi vorbeischauen und sich durch die Links klicken. Da gibt's einiges zu hören - und nicht nur zu hören, hehe!... Was? Nö, habichnichgesagt.
13 März 2006
Welke Blätter 2
Heather zum Beispiel. Das war noch aus der Zeit, Anfang der Neunziger, als ich in einer Kölner WG wohnte, sechs Leute, drei Männlein, drei Weiblein. Heather gehörte zum Bekanntenkreis von Jochen dem Drummer. In Wirklichkeit hiess sie nicht Heather, sie war glaube ich kenianischen Ursprungs und adoptiert worden, andererseits klang Heather wesentlich cooler, wenn man Sängerin in einer Soulband war, den Soul Suckers. Die Band hatte lokale Berühmtheit erlangt - und dabei sollte es auch bleiben. Es reichte aber immerhin für eine Live-CD.
Gerade live war die Band ausgesprochen gut, nicht zuletzt wegen Heather, die, wenn sie einen Klassiker wie "I've Been Loving You Too Long" darbot, sich dermassen ins Zeug legte, dass der Gänsehauteffekt bis zum nächsten Wochenende anhielt. Sie wusste Bescheid. Wenn sie mal einen Fernsehauftritt als Background-Sängerin für irgendeinen längst vergessenen Typ hatte,
tat sie das mit der erforderlichen Coolness, warf mal beispielsweise mitten im Einsatz einen Blick zur Seite, so, als passierte gerade was im Off - in Wirklichkeit war da nix, aber so demonstrierte sie a) dass sie ihren Job beherrschte und b) dass sie sich erlauben konnte, sich während der Aufnahme ablenken zu lassen. Und c), dass das Schicksal des Knallkopps im Scheinwerferlicht ihr am Arsch vorbeiging.Einige Zeit später wurde in der WG ein Zimmer frei, und Heather zog ein. Da sie chronisch Pleite war und es mit der Miete auch sonst nicht so genau nahm, mussten gelegentlich sog. klärende Gespräche statt finden. Irgendwann hatte Jochen und ein paar andere Kumpels mit ihr eine Cover-Version von "Streets of London" produziert, die allerdings auch nicht abhob. Es reichte damals, schwarz zu sein und in angesagten Kneipen herumzuhängen, um irgendwelche Sonntagsproduzenten anzulocken, die nach einem eingehenden Casting ("Singste?") auf einen intergalaktischen Hit hofften.
Irgendwann bin ich ausgezogen und habe Heather aus den Augen verloren. Die Soul Suckers gibt es längst nicht mehr; eine verwaiste Website zeugt noch von ihrer Existenz. Jahre später hat Heather eine weitere Maxi-CD aufgenommen. Dann verlieren sich die Spuren.
08 März 2006
Lockruf

Hübsch, nicht?
PS: Worauf wartet Ihr noch? Wandert aus!
04 März 2006
Tragik des Kakerlakendaseins

Und? Irgendwas Schockierendes? Nicht? Genau. Anscheinend hat's allen geschmeckt, Beschwerden gab es keine. Und doch hat vor einigen Tagen ein Zwischenfall das Vertrauenskapital, das kritischen VerbraucherInnnen, also Leute wie du und ich, eine feste Burg ist, entscheidend dekonstruiert, ja geradezu zerfetzt. Dabei arbeiten in der Cafeteria anständige Leute, die wer weiss gelegentlich selber am Hungertuch nagen (was ja, wenn ich's mir recht überlege, in einer Cafeteria der Gipfel wäre - aber ich schweife ab).
Kurz, eines schönen Morgens bestellte sich Kollegin Hilda huevos a la mexicana, also tomatierte chilierte Rühreier, und gerade wollte sie sich mit einem munteren Gabelstich über ihr Essen hermachen, als sie - ¡ay, que horror! - in besagten Rühreiern einen Fremdkörper ausmachte, und zwar den einer Kakerlake. Hallo.
Ein Laie in Sachen mexikanischer Küche würde nun die üblichen Sprüche kloppen und behaupten, die Mexikaner, die fressen ja alles Mögliche, Würmer, Heuschrecken, Iguane, Labskaus - ah nee, Labskaus, das sind ja wir - und hätten sogar dem zähen Insekt eines ihrer beliebtesten Volkslieder gewidmet, La Cucaracha, und also braucht man sich nicht zu wundern. Von wegen: abgesehen davon, dass Kollegin Hilda Mexikanerin ist und man ihr so schnell kein X für ein U vormacht, hat eine Kakerlake nach Meinung anerkannter Experten in huevos a la mexicana nichts verloren. Daher der Skandal, zwei oder drei grün angelaufene Gesichter, und Sandra, die stante pede jedem Anwesenden augenblicklich vorschlägt, die Küche zu begutachten, nur für den Fall, dass jemand meinte, darin spielten sich Szenen wie in einem Billighorrorstreifen ab, etwa "Kakerlaken küsst man nicht".
Und dabei war mir nur ein Tag zuvor doch tatsächlich eine Kakerlake im Institutsflur begegnet. Vielleicht war es sie ja. Wenn ich gewusst hätte... Und wenn sie gewusst hätte, dass schon bald ihr Leben im Rührei enden würde! Das Leben ist eine einzige tomatierte chilierte Tragödie.
02 März 2006
Das Geheimnis des Rätsels des Schatzes
Diesmal finde ich ein Werk der belgischen Autorin Françoise Mallet-Joris, "La maison de papier", Erstausgabe, erschienen 1970 beim Pariser Grasset-Verlag. Nichts Besonderes, die Taschenbuchausgabe ist im Handel vorrätig - wäre da nicht ein Kärtchen, das ein gewisser André M***, seines Zeichens Generalsekretär einer Firma aus dem Vorortstädtchen Ivry-sur-Seine, an eine ebenso gewisse Suzanne M*** richtet. Die Firma gibt es übrigens noch, hab's überprüft. Das Kärtchen ist auf den 17 November 1970 datiert. Der Wortlaut (ich übersetze):
mit meiner Hochachtung
für Frau Suzanne M***
die Memoiren des kürzlich verstorbenen Sie-wissen-schon-wer sind nicht mehr vorrätig. Eine Neufauflage ist in Planung. Mit meinem Bedauern.
Hmm... Kürzlich verstorben? Das kann nur Charles de Gaulle sein, verstorben am 9. November 1970. Die Memoiren blieben zwar unvollendet, doch ist es denkbar, dass sozusagen als Totenehrung ein Run auf den ersten bis dato veröffentlichten Band einsetzte. Okay, zusammengefasst hiesse das Folgendes: Frau Suzanne M*** (wer war sie? eine Französin in Mexiko? als was? verheiratet? mit wem?) bittet ihren Bekannten André M*** um die Memoiren de Gaulles. Dieser gehorcht, kehrt aber mit leeren Händen von seinem Buchhändler zurück und schickt ihr stattdessen "La maison de papier" von Françoise Mallet-Joris. Komisch, warum ausgerechnet dieses Buch? Mallet-Joris galt noch zu dieser Zeit als Autorin eines skandalösen Romans, in dem erstmals lesbische Liebe thematisiert wurde, hatte allerdings in späteren Jahren den ein oder anderen Literaturpreis eingeheimst und war gerade Mitglied der Académie Goncourt geworden. Nichts jedoch, was auf einen Zusammenhang mit dem verstorbenen Staatsmann schliessen liesse. Wahrscheinlich war Freund André nicht gerade ein Literaturkenner... Was verband ihn mit Suzanne M***? War sie vielleicht die Frau eines Geschäftspartners? Vielleicht nicht. Warum hat Suzanne M*** das Kärtchen im Buch aufbewahrt? Seltsam ist auch die Formulierung "Sie-wissen-schon-wer", so als wäre nicht de Gaulle, sondern der leibhaftige Lord Voldemort gemeint.
Ich hätte beinahe noch ein Traktat über die Komödie gekauft, dass ein Typ namens Aristoteles geschrieben hat (vermutlich ein Pseudonym). Das Buch wirkte sehr alt, die Seiten waren unten seltsam geschwärzt und das Ganze war auf Griechisch. Aber da mich Komödien nicht interessieren...
26 Februar 2006
Flagge zeigen
Anderthalb Stunden später haben wir eine Tagesordnung aufgestellt, die einigermassen Kopf und Fuss hat. Ich frage mich zwar immer noch, welchem Arbeitsrecht wir unterliegen, dem mexikanischen oder dem französischen, aber wir fühlen uns gerüstet,
23 Februar 2006
Der Müll und ich
"Entschuldigung", sagte sie, "Sie haben Ihren Müll vergessen!" Ich sagte, nö, ich habe gar nix vergessen, das sei der Ort, an dem die gesamte Nachbarschaft ihren Müll abstelle. Ich muss nicht sehr glaubwürdig geklungen haben. "Sie sind Ausländer, nicht wahr?". Ah ja, da haben wir's. Gleich würde sie mir einen Vortrag halten, dass ich im Grunde nicht mehr wert sei als das, was ich gerade abgestellt hatte, und dass ich mich als Ausländer eigentlich in aller Demut vor ihr verneigen müsste. Vor ihr und ihrer grossen Kiste. Die sich nicht einparken liess. Sie sagte, man müsse doch die Strassen sauberhalten. Ich sagte, die Müllabfuhr käme in zwei, drei Stunden, wie jeden Tag. Sie behauptete, die Müllabfuhr sei schon durch. Gut, damit gestand sie mir implizit, dass sie genau wusste, dass an dieser Stelle der Müll deponiert wird (was ja ein am Pfosten angebrachtes Schildchen beweist). Ich zuckte die Schultern und ging. Sie warf mir irgendein Schimpfwort hinterher, als Krönung ihrer durchdachten Argumentation. Hoffentlich hat sie wenigstens vor Ankunft der Müllmänner einparken können...
Und die Moral von der Geschicht'? Gibt's keine. Nur eine kleine Stadtgeschichte.
19 Februar 2006
Neue Gesichter
Die neuen Kurse haben begonnen. Man hat mir einen Fortgeschrittenenkurs und einen Diskussionskurs zugeteilt. Und noch meinen Philosophie-Workshop, der zur Hälfte aus Wiederholungstätern vom letzten Semester besteht. Ihnen zuliebe musste ich mein Konzept etwas abändern: keine philosophischen Texte mehr, sondern Nachrichten aller Art, die Philosophisches hergeben. Wir fangen übrigens gleich mit dem Karikaturenstreit an.
Spannend und wichtig zu Beginn ist es, seine Pappenheimer kennen zu lernen; wissen, mit wem man es zu tun hat. Viele neue Gesichter, darunter eine ehemalige Diplomatin, die in Rom, Tokio, Bonn und Ost-Berlin zu DDR-Zeiten stationiert war, eine Tänzerin, die eigene Performances kreiert und eine zeitlang in Essen studiert hat, eine Tanzlehrerin, spezialisiert auf hawaiische Tänze (man erhofft sich eine Kostprobe ihres Könnens!), die französisch in Polynesien gelernt hat, und dann wie immer viele Ingenieure, Chemiker, Übersetzerinnen, BWL-Studenten, Auswanderungswillige, oder solche, die schlicht in Paris oder Nizza oder Compiègne studieren wollen.
Da ich darauf bestehe, dass die Studis sich nicht selbst vostellen, sondern vom Nachbarn oder von der Nachbarin vorgestellt werden, kommen hin und wieder eigentümliche Sachen zum Vorschein: ein Kerl sagt von einer Kommilitonin, er kenne sie seit fünfzehn Jahren, sie sei eine wirklich nette Person (betont er), sie könne phantastisch Nudeln mit allen möglichen Saucen kochen (betont er ferner), und ausserdem sei sie über beide Ohren in Ewan McGregor verknallt. So genau wollte ich's eigentlich gar nicht wissen.
Bisher keine Nervensäge in Sicht.
17 Februar 2006
Welke Blätter 1
Als ich 1987/88 mein Jahr an der Sorbonne absolvierte, lernte ich zwei Freundinnen kennen, weiss nicht mehr wo, wahrscheinlich in irgendeinem Hörsaal. Die eine, nennen wir sie Pauline, wohnte noch bei ihren Eltern, Grossbürgertum des 6. Arrondissements, Traditionalisten, kein Fernsehen, dafür erlesene Werkausgaben und Lexika von anno dazumal, sie selbst sehr katholisch, brachte den Kids anderer grossbürgerlicher Familien den Kateschismus bei. Die andere, nennen wir sie Agnès, ursprünglich aus der Normandie, hatte ein Zimmer im selben Gebäude bezogen, interessierte sich mehr für's Soziale und hatte eigentlich sonst nicht viel mit Pauline gemeinsam. Ich war wahrscheinlich in die eine oder andere verknallt, genau weiss ich es nicht, überhaupt wusste ich mit 22 nicht im Geringsten, was ich wollte.
Hätte man mir gesagt, ich würde eines Tages aus Mexiko bloggen, ich hätte verwundert aus der Wäsche geschaut. Pauline und Agnès dagegen, nennen wir sie mal so, wussten schon damals genau, was sie wollten.Nach einigem Stöbern im Netz steht nun fest, dass beide den festgesteckten Kurs ziemlich genau eingehalten haben. Pauline ist verheiratet, hat vier Kinder und ist immer noch mit dem Typ zusammen, den sie 1988 kennengelernt hat. Ich war dabei, als die Begegnung statt fand. Ein ziemliches Arschloch, dachte ich damals. Pauline wohnt jetzt in einem schmucken Dorf in der West-Banlieue, und ist immer noch für Kateschismus zuständig, jetzt als Mama. Agnès dagegen ist Lehrerin an irgendeiner Schule in der Ost-Banlieue. Sie ist ebenfalls verheiratet, trägt einen Doppelnamen und hat gerade eine Unterschriftenliste gegen irgendein neues Bildungsgesetz signiert.
Habe keine grosse Lust, mit beiden Kontakt aufzunehmen, was soll's, aber es tut gut zu wissen, dass es ihnen allen Anschein nach gut geht. Andererseits bin ich doch überrascht, wie wenig überraschend ihr bisheriges Leben verlief...
13 Februar 2006
Stunden für alle
Der Montag wird hoffentlich besser, aber wie dem auch sei, die Kurse müssen verteilt werden, und zwar jetzt. Bei uns läuft's wie überall: Dienstalter hat Vorfahrt. Die dienstältesten Kollegen haben demnach Anrecht auf die Filetstücke: interne Kurse, die nicht zu früh beginnen, nicht zu spät enden. Für Neulinge dagegen wird's meistens knapp: externe Kurse, die ausserhalb des Instituts jottwedeh um sieben Uhr früh beginnen, reihenweise Vertretungen (kann ich ein Liedchen von singen...). Kopfzerbrechen bereitet, welches Kursangebot wir beibehalten, welches wir zurückziehen. Damit ein Kurs rentabel bleibt, müssen sich mindestens acht Schüler einschreiben. Angesichts des lauen Samstags sind wir auf Spekulationen angewiesen, beschliessen, den Anfängerkurs mit bisjetzt vier Teilnehmern einem bedürftigen Kollegen zu überlassen. Die ganze Prozedur dauert sieben stressige Stunden, auch wegen des schwelendes Konfliktes zwischen Institutsdirektor, der nach sechs Monaten immer noch nicht richtig Fuss gefasst hat, und der Leiterin der internen Kurse, die de facto wohl oder übel das gesamte Institut leitet. Am Ende braucht niemand am Hungertuch zu nagen (allerdings wären manche gut beraten, auf die Sonderangebote in ihrem Supermarkt zu achten).
10 Februar 2006
Vorträglich
Bereits im Vorfeld löste die Ankündigung des Sardou-Vortrags etwas Befremden aus. In Deutschland ist Michel Sardou ungefähr so bekannt wie Herbert Grönemeyer in Frankreich, nämlich gar nicht, in seinem Heimatland dagegen ist er ein Superstar, und das immerhin schon seit rund dreissig Jahren. Das Problem ist die Kontroverse um Sardou, wurde er doch nicht selten als Fascho oder reaktionärer Spiesser verurteilt. Eben drum musste ich mehr als mir lieb war Kollegen gegenüber beteuern, ich sei ganz bestimmt kein Sardou-Fan, und ich bin auch tatsächlich keiner, nicht aus irgendwelchen dämlichen gesinnungsästhetischen Gründen, sondern einfach weil Sardou mir textlich und musikalisch zu pompös, zu kitschig und zu dürftig ist. Was mich aber nicht hindern soll, trotzdem einen Vortrag über seine umstrittenste und militanteste, 1976 erschienene Platte zu halten.
Sardou war im Grunde genommen nur der Vorwand, einige Thesen der gender studies zu illustrieren und nachzuweisen, dass im Frankreich der Seventies eine Männlichkeitsdebatte statt fand, die allerdings weitgehend unbeachtet blieb. Nicht zuletzt wegen Sardou selbst: einer der Songs, "Je suis pour" ("Ich bin dafür") war ein Statement zur Todesstrafe und erregte bei Erscheinen so sehr die Gemüter, dass Sardou bei der folgenden Tour nur unter Polizeischutz die Bühne betreten konnte und seine letzten Tourdaten entnervt cancelte. Immerhin war die Todesstrafe in Frankreich damals noch legal, die Guillotine wurde erst 1981 eingemottet. Zieht man jedoch die anderen Lieder des Albums hinzu, wird schnell deutlich, dass es Michel Sardou um die Verteidigung der männlichen Tradition, des starken, dominanten Mannes in der Ära des Feminismus geht. Die Verhängung der Todesstrafe als Racheakt ist nur ein Teilaspekt davon. Kein leichtes Spiel, dessen wird sich Sardou bewusst, und gegen Ende der Platte bläst er zum Rückzug, ins nostalgisch verklärte Frankreich der Vorkriegszeit, des kolonialen Imperiums. Schliesslich, als alle Stricke offenbar gerissen sind, in eine Utopie und Uchronie, wo er als "roi barbare" ("Barbarenkönig") doch noch seinem Männlichkeitswahn frönen darf. Dort, und nur dort. Das zu dramatisieren, dafür verdient Sardou Respekt. Doch schon im selben Jahr entwickeln andere Gesangsartisten Gegenmodelle, dekonstruieren mit viel Humor Männlichkeitsriten und prägen für die nächsten Jahre ein neues Männlichkeitsbild. Dem allerdings auch keine grosse Zukunft beschieden sein wird.
Der Tintin-Vortrag hatte wegen des Karikaturenstreits ein paar aktuelle Bezüge und basierte auf einem Aufsatz, den ich vor Jahren schon in Greifswald veröffentlicht hatte, aufgemöbeltes Recycling also. Ich hatte das Konzept des iconic turn aufgegriffen und für eine transdisziplinäre Bildwissenschaft plädiert, zumal wir in unseren Kursen reihenweise Bilder von überall her benutzen und dementsprechend auch die Kompetenz brauchen, ein Bild deuten zu können - auch und gerade im Hinblick auf kulturelle Missverständnisse. Immerhin sind wir schon so weit, dass in Lehrbüchern zu Französisch als Fremdsprache keine Schweinefleischprodukte abgebildet sind, da die Verleger ja auch in islamische Länder verkaufen wollen
07 Februar 2006
Zeit ist Geld ist Zeit
Der eigentliche Grund für diesen Auspruch war die heutige Visite unseres Herrn Kulturattachés, gleichzeitig der eigentliche Big Boss unseres Instituts. Eigentlich ein umgänglicher, gebildeter Mann. Nur wenn's um Geld geht (oder um Zeit?), wird er manchmal ungemütlich. Dabei handelt es sich doch nur um einen befristeten Arbeitsvertrag für Nathalie und ein damit verbundenes jämmerliches Monatsgehalt von umgerechnet 1000 Euro, dann könnte man endlich mit diesem E-Learning-Projekt vorankommen...
Wir sollen erstmal, sagt der Boss, eine Kosten-Nutzen-Rechnung aufstellen, dann könne man weiterreden und -rechnen. Im Nachhinein denke ich, wollte er bloss Zeit schinden. Oder Geld. Oder beides.
04 Februar 2006
Der Pazifik, endlich
Der Pazifik also. Für einen Durchschnittseuropäer bleibt das nach wie vor faszinierend. Man bedenke, das nächste Festland, das wären die Philippinen. Einige werden sich wundern, wieso ich nach über vier Jahren Mexiko jetzt erst zum Pazifik gelange, wo doch die Küste nur knapp fünf Stunden Busfahrt von der Haupstadt entfernt ist. Ehrlich gesagt, keine Ahnung. Wir hatten das Projekt mehrmals ins Auge gefasst, dann verschoben und wieder verschoben und letztlich musste Kollegin Delphine die Idee haben, ihre despedida in Pie de la Cuesta zu feiern, bis wir uns den notwendigen Ruck geben konnten. Als Kölner rennt man ja auch nicht täglich in den Dom, der läuft einem ja nicht fort. Der Pazifik ebensowenig. Übrigens, darf ich vorstellen?

Ich habe das Bild etwas retuschiert, mehr türkis für's Meer. So kleine Bildbearbeitungsprogramme wirken manchmal Wunder...

